Interview: Testing the Future Today

Reto Lämmler is co-founder of TestingTime. He told us how his first startup in Silicon Valley was disrupted by Google and how he became an advocate for minimalism, prototyping and Lean Startup.

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Reto Lämmler ist Mitgründer von TestingTime und Startup Tausendsassa. Im Interview erzählt Reto, wie er seine Hörner als Startup Gründer im Silicon Valley und als digitaler Nomade abstiess. Dabei wurde er zum Lean Startuper, Minimalisten und Verfechter von Business Experimenten.

Reto, wie bist du auf die Idee gekommen dein eigenes Unternehmen zu gründen?

Ich hatte schon immer Freude daran Neues zu kreieren. Ich möchte Ideen umsetzen und aufhören nur darüber zu sprechen. Deshalb zog es mich auch gleich nach dem Informatik Studium in Rapperswil ins Silicon Valley. Ich habe meine sieben Sachen gepackt und bin los!

Ich arbeitete bei einer MedTech-Firma aus Palo Alto und habe nebenbei an meinen eigenen Ideen getüftelt. Ich schrieb regelmässig meine Business Ideen in ein Notizbuch. Einige dieser Ideen wurden inzwischen erfolgreich von anderen Startups umgesetzt.

Die erste Idee, die ich dann tatsächlich weiter verfolgte war eine Tabellenkalkulationslösung aber in der Cloud. Ich hatte damit auch ein wenig Erfolg, jedoch keine Finanzierung. Mit der Entwicklung dieses Tools war ich ein Jahr lang voll beschäftigt. Und dann kam Google Docs und wir waren tot! Ich wurde also bereits einmal von Google disrupted. Glücklicherweise konnten wir unser Startup jedoch noch verkaufen für CHF 60'000. Beim Käufer handelte es sich um ein Startup, welches daran war die gleiche Idee umzusetzen. Ich habe seither nichts mehr von ihnen gehört...

Im 2007, kurz nach diesem Rückschlag, kam ich zurück in die Schweiz und wohnte wieder bei meinen Eltern. Dies war vorerst das Ende meines Abenteuers im Silicon Valley.

«Dann kam Google und wir waren tot.»

Hast du dich dann gleich daran gemacht deine nächste Firma zu gründen?

Nein, meine nächste Aufgabe war Doodle. Ich sah, dass Doodle gerade eine Finanzierungsrunde geschlossen hatte und habe mich einfach einmal dort beworben. Ich wollte Produkt Manager sein, um nicht mehr selbst Code schreiben zu müssen. In den folgenden drei Jahren lernte ich, wie man ein Unternehmen nach dem Lean Startup Ansatz aufbaut, ohne selbst das ganze Risiko tragen zu müssen.

Während dieser Zeit wurde ich zum Minimalisten: Mach etwas ganz fokussiert, aber das richtig gut. Bei Google wird diese extreme Fokussierung immer noch gelebt. Was ist auf der Startseite von Google? Nur ein Suchfeld. Sonst nichts. Das ist Minimalismus!

Wie wusstet ihr bei Doodle auf welchen Aspekt ihr euch fokussieren wollt?

Wir haben Business-Experimente durchgeführt. Wir haben uns konzentriert auf was funktionierte und verworfen was fehlschlug. Terminbuchungen für KMUs war so eine Idee, die schlussendlich nicht flog. Wir haben das einfach zusammengehackt, ohne zu früh zu automatisieren. Ich war also draussen bei den Kunden mit Papierprototypen und führte Interviews, um zu lernen wie unsere potenziellen Nutzer unser Produkt in ihrem Kontext verwenden. Kontext ist echt nicht zu unterschätzen!

Auch für Doodles Kernprodukt haben wir viel getan. Das Thema «User Experience» (UX) kam damals erst richtig auf und ich habe vieles etwas hemdsärmelig gemacht. Ich habe definitiv viele Fehler begangen, aber enorm viel gelernt. Papierprototypen waren mein Ding, ohne dass ich je etwas darüber gelesen hatte.

Ich habe UX mehr und mehr zu meinem Spezialgebiet gemacht, da ich auch weg wollte vom Programmieren. Deshalb entschied ich mich später dann auch noch für einen Master in Human-Computer Interaction Design (HCID).

«Solange ich CEO bin wird ein gewisser Minimalismus immer erhalten bleiben.»

Was hast du dann nach Doodle gemacht?

Als Doodle 2011 verkauft wurde, hatte ich wieder Lust auf etwas Neues. Ich hatte die romantische Vorstellung als digitaler Nomade die Welt zu bereisen und gleichzeitig Geld zu verdienen. Ich bin also wieder los. Dieses Mal ging ich nach Südostasien, wo ich von Hostel zu Hostel zog und an meiner App arbeitete, die ich «Remember the Name» taufte. Leider musste ich schnell feststellen, dass ich in der tropischen Hitze von Südostasien nicht besonders effizient arbeiten konnte. Bereits nach sechs Monaten brach ich die Übung wieder ab und kam zurück in die Schweiz. Meine Idee verfolgte ich jedoch weiter.

Eigentlich wusste ich die ganze Zeit schon, dass diese Idee ein Fail ist. Aber ich dachte: «Es kommt schon, es kommt schon.» Also programmierte ich immer weiter und investierte immer mehr und mehr Zeit. Viel zu spät habe ich meine App dann aufgegeben, um mich voll auf TestingTime zu fokussieren. Für Remember the Name gab es noch eine online Beerdigung.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen TestingTime zu gründen?

So verschieden sind die Tester nun mal.

Die Idee für TestingTime hatte ich während meiner Masterarbeit im HCID. Dabei stellte ich fest, dass es extrem mühsam war die passenden Testnutzer zu finden. Wieso kann man nicht eine Testperson auf Knopfdruck bestellen? Ist doch ein gängiges Problem. Ich fragte mich, wieso dies noch niemand machte.

Dieses Mal wollte ich das Problem jedoch anders angehen. Anstatt mich wieder direkt ins Programmieren zu stürzen, erinnerte ich mich an meine Zeit Doodle und habe ein Business Experiment durchgeführt.

Zuerst habe ich einen Papierprototypen gebaut und eine Mitgründerin gesucht. Dank dem Papierprototypen konnte ich Rahel von der Idee überzeugen und gemeinsam haben wir den Papierprototypen weiter verbessert. Als nächstes haben wir für 80 Dollar auf Upwork eine Landing Page programmieren lassen. Darin habe ich noch ein Bestellformular und eine Bezahlungsmöglichkeit eingebaut. Das war unser nächster Prototyp. Wir haben dann auf Facebook-Werbung dafür gemacht und nach kurzer Zeit haben wir die erste Bestellung erhalten. Das ist Validierung!

Jetzt mussten wir unserem ersten Kunden auch etwas liefern! Und so haben wir in einfach in unserem Bekanntenkreis rumgefragt und passende Testpersonen rekrutiert. So ging das noch eine ganze Weile weiter. Wir hatten ein «Zauberer von Oz»-MVP. Das heisst unsere Webseite sah ganz hübsch aus und für unsere Kunden fühlte sich die User Experience gut an, aber im Hintergrund mussten wir fast alle Prozesse von Hand durchführen, wie beim Zauberer von Oz eben. Mit diesem Modell haben wir unsere ersten CHF 100‘000 Umsatz gemacht und mehrere Hundert Testpersonen vermittelt.

«In einem Startup geht es ums Gewinnen oder Verlieren, Leben oder Sterben, Lohn oder kein Lohn!»

Wie lange konntet ihr als junges Startup mit eurem «Zauberer von Oz»-MVP am Markt bestehen?

So haben wir bis 2014 gearbeitet. TestingTime hatte inzwischen regelmässige Kunden, darunter die SBB und Swisscom. Danach beschlossen wir dies zu professionalisieren. Wir konnten Oli, Mitgründer und CTO gewinnen, um aus unserem Prototypen eine saubere Plattform aufzubauen.

Wir haben uns jedoch immer an der Prämisse gehalten erst dann neue Features zu bauen, wenn die Nachfrage wirklich vorhanden war. Wir waren also immer etwas hinterher mit Bauen, was uns aber dabei half nicht zu einem technologischen «perpetuum mobile» zu werden.

Heute, fünf Jahre später stellen wir auch fest, dass Veränderungen nicht mehr so einfach sind. TestingTime ist ein gut laufendes System. Wir arbeiten in klar definierten SCRUM-Strukturen und die alten Piraten-Tricks sind weniger möglich und gefragt. Unsere Philosophie ist zwar die gleiche geblieben aber Lean Startup ist nicht mehr gleich einfach umsetzbar. Reingrätschen geht nicht mehr so.

Trotzdem sind wir uns treu geblieben. Unser neuestes Feature ist ein Private Pool für Firmen, wo sie ihre eigenen Testpersonen rekrutieren können. Ich habe das Produkt bereits drei Mal verkauft, ohne das Produkt zu haben. Post, Sonova und Zalando sind dabei unsere ersten Kunden.

Wie ist TestingTime in fünf Jahren unterwegs?

"Ich sprudle nur so vor Ideen".

Es wird einen Marktplatz rund um unsere Angebote geben. Sinnvolle Dienstleistungen sollen gut orchestriert unser Angebot ergänzen. Wir sehen uns in der Rolle des Orchestrators, der sehr fokussiert vorgeht. Wenn ich der CEO bleibe, wird ein gewisser Minimalismus immer erhalten bleiben.

Bei grossen Firmen geht dieser Fokus leider oft verloren. Dies sehe ich beispielsweise bei Corporate Innovation Labs: Zu hohe Budgets und zu wenig Zeitdruck. Es gibt keinen echten «Sense of Urgency». Da geht viel Schwung verloren. In einem Startup dagegen geht es ums Gewinnen oder Verlieren, Leben oder Sterben, Lohn oder kein Lohn! Die Verhältnisse sind viel klarer und die Incentivierung ebenso. Nichtsdestotrotz soll dies nicht einfach als Breitseite für Corporate Innovation verstanden werden. Diese hat durchaus Ihre Berechtigung im Entsprechenden Kontext und mit den passenden Prozessen und Prämissen.

Viele Startups sind lange mit ihrem ersten Produkt beschäftigt. Wie entwickelt ihr euch weiter?

Time-Boxing ist wichtig. Wenn ein Team ein Jahr Zeit hat für irgendetwas, braucht es auch so lange. Unser Private Pool Feature würde wohl auch rauskommen, wenn nur drei Monate zur Verfügung stünden. Auch hier ist es zentral das Produkt sehr fokussiert und «lean» umsetzten zu können. Eine Timeline ist echt zentral und muss klar definiert sein.

Ich bin durchaus offen dafür, um Features wegzulassen, aber ich verhandle nicht über die Timeline. Das sehe ich auch als Nachteil von «continous deployment». Deshalb sind Sprints mit einem klar definierten Release eine gute Sache.

Was ist dein nächstes Projekt Reto? Hast du noch weitere spannende Ideen in deinem Notizbuch?

Ich sprudle nur so vor Ideen. Zum Beispiel frage ich mich gerade, wie ein Algorithmus alle Personen, die in einem Buch vorkommen erfassen, indexieren und die Geschichte visuell auf einem Zeitstrahl darstellen könnte? So könnten viele Bücher für die Leser zugänglicher gemacht werden. Ich habe aber aktuell echt keine Zeit, um solche Dinge weiterverfolgen zu können.

Was ist dein Vorgehen, um zu evaluieren, ob du eine Idee weiterverfolgen willst?

Ich erzähle allen von meiner Idee und beobachte, wie sie reagieren. An Geheimhaltung glaube ich nicht, in diesem Zusammenhang.

Hast du noch eine spontane Buchempfehlung für uns?

The Long Winter Trilogy von A.J. Riddle

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